Die Arbeit als Auslandskorrespondent

Ein Traumberuf mit Schattenseiten

Warum nicht einfach aus der Ferne berichten? Das dachte sich vor 17 Jahren auch Stefan Scholl, Auslandskorrespondent in Moskau. Doch die goldenen Zeiten sind längst vorbei. Im Interview spricht er über die Auswirkungen der Medienkrise und den aufkeimenden Ukrainekonflikt.

Stefan Scholl hat den Beruf des Auslandskorrespondenten ergriffen, obwohl sich die Realität nicht immer einfach gestaltet.


Auslandskorrespondenten sind für die Redaktionen eine kostspielige Investition. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass es nur wenige Stellen gibt. Wie wirkt sich das auf den Arbeitsalltag und das Familienleben aus?

Die Redaktionen sparen aufgrund der anhaltenden Medienkrise tatsächlich immer mehr und die
Bezahlung wie auch die Sachbezüge fallen knapper aus. 1998 zahlte mir mein damaliger Arbeitgeber „Die Woche“ neben dem Gehalt (es liegt brutto momentan bei etwa 40.000 Euro im Jahr) eine Wohnung, Spesen, Bürokosten und eine Halbtagsassistentin. Nachdem viele Medienbetriebe jedoch pleite gegangen sind, begnügen sich viele Zeitungen mit Agenturberichten oder teilen sich einen Auslandskorrespondenten. Die Nachfrage nach Hintergründen, Reportagen und Kommentaren ist wegen der Ukrainekrise und dem Spannungsverhältnis zwischen Ost und West dennoch hoch. Ich selbst arbeite für einen Pool mit Verlagen in Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz. Mein Büro im teuren Moskau kann ich mir nur deshalb leisten, weil es sich in unserer Eigentumswohnung befindet. Dadurch leidet das Familienleben kaum. Lediglich die Dienstreisen in die Ukraine, nach Weißrussland oder in den Kaukasus hinterlassen ihre Spuren: Meine Frau nämlich und die Nachbarn sind Russen und so gerät die Muttersprache meiner fünfjährigen Tochter immer mehr in Vergessenheit.

Eine weitere Herausforderung sind die politischen Verhältnisse im Land. Laut der aktuellen Rangliste von Reporter ohne Grenzen befindet sich Russland hinsichtlich der Pressefreiheit in einer schwierigen Lage. Wie kommen Sie dennoch an brauchbare Informationen für Ihre Berichte?

Noch gibt es ausreichend öffentlich zugängliche Quellen, die in Folge der Gleichschaltungspolitik unter Wladimir Putin allerdings schrumpfen. Dementsprechend geben Politiker auch lieber als Geheimnisse getarnte Meinungen preis statt mit offenen Karten zu spielen. Die wirklich spannenden Geschichten findet man allerdings im Alltag der einfachen Leute jenseits der Stadtgrenzen. Dort liegen sie zu Haufe auf der Straße.

Kommt es mitunter auch zu gefährlichen Situationen? Aus China hören wir ja immer wieder von Hausdurchsuchungen und Festnahmen angeblich Oppositioneller, also auch Journalisten wie Ihnen …

Mir waren die Russen außer einem Verhör, einer Beschattung, einem zerstörtem Computer und einem tätlichen Übergriff durch örtliche Geheimdienstler bei der Arbeit bislang wohlgesonnen. Wenn der Kalte Krieg jedoch weiter eskaliert, ist eine Ausweisung oder Akkreditierung nicht auszuschließen.
In der Ukraine riskieren wir schon jetzt jede Minute unser Leben. Artilleriebeschuss und Gefangennahmen sind an der Tagesordnung. Die Angst dabei wird wohl immer bleiben, macht die Tätigkeit aber auch spannend.

Wenn in den Medien zum Beispiel über Afrika berichtet wird, dann immer nur von Armut und Gewalt. Aber auch dort müssen die Leute  doch ihrem ganz normalen Alltag nachgehen. Warum bekommen wir davon selten etwas mit? Wie stehen Sie als langjähriger Auslandskorrespondent zu dieser Tatsache?

Bedauerlicherweise ist es mit russischen Nachrichten nicht anders. Vor einigen Jahren kam Interesse an Geschichten aus der Alltagsperspektive auf. Doch mit Beginn der Ukrainekrise fand diese Entwicklung ein jähes Ende und die politische Berichterstattung rückte wieder in den Vordergrund. Von daher kratzen wir als Journalisten häufig an der Oberfläche und ich habe die Recherchen für ein 2003 erschienenes Buch in einem sibirischen Dorf sehr genossen. Überleben kann man davon aber nicht.

 

Zur Person:
Stefan Scholl entzog sich dem Wunsch der Eltern, Zahnarzt zu werden und entschied sich stattdessen für das Abenteuer. (Damals herrschte noch der Kalte Krieg.) Er studierte am Osteuropa-Institut in Berlin, widmete sich an der Deutschen Journalistenschule in München seiner Leidenschaft, dem Schreiben, und übt seinen Traumberuf inzwischen seit 17 Jahren in Russland aus. Von dort berichtet er als Auslandskorrespondent in Hintergrundberichten und Reportagen. An eine Rückkehr ins bürokratische und sichere Deutschland denkt er trotz der Ukraine-Krise bislang nicht.

 

Wenn wir dein Interesse an der Arbeit als Auslandskorrespondent geweckt haben, findest du hier weitere Informationen zur Ausbildung.

 

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