Claus Dreckmann, Boulevard und Kultur in Einem

Wer glaubt ein Boulevardjournalist hätte nichts auf dem Kasten, der irrt sich. Claus Dreckmann studierte Philosophie und Politikwissenschaften. Neben seinem Job als Ressortleiter bei der Bunten, interessiert sich der 44-Jährige für Literatur, schnelle Autos und Musik von Wagner.

Foto: Eva Orttenburger

Was ist das Schwierigste an Ihrem Job?

Viele meiner Informanten gehen davon aus, dass ihnen ein mittelschwerer Analphabet gegenübersitzt. Sie wissen nicht um mein Interesse an Kunst und Kultur. Deshalb begegnen sie mir nicht auf Augenhöhe. Ich muss die Leute vergessen lassen, dass sie mit einem Boulevardjournalisten sprechen. Dafür nutze ich mein breitgefächertes Hintergrundwissen. Die neue Rolex Uhr oder das Golfspielen sind der Türöffner für ein Gespräch. Ich werde dafür bezahlt, mich über jedes Thema unterhalten zu können. Die Bunte schickt ihre Redakteure auf Dienstreisen, die vermeintlich nichts bringen. Dort bilden sie sich aber weiter. Im Heft sieht niemand mein großes Kulturwissen. Ich kann aber über Wagner reden, wie ein Mitarbeiter der FAZ. Nur so kann ich den anderen Smokingträgern auf Augenhöhe begegnen.

Das nächste Problem ist die Autorisierung. Ich muss meine Geschichte so verkaufen, dass ich eine Genehmigung für den Druck bekomme.

Hat es der Boulevard nicht allgemein schwer, an Informanten zu kommen?

In der heutigen Zeit wird es zunehmend komplizierter. Die Menschen haben sich geändert. Vor einigen Jahren waren alle heiß darauf, in der Bunten zu stehen. Jeder neureiche Vollprolet wollte mit Ehefrau und Kindern in das Blatt. Der wirkliche Geldadel hatte dagegen nie Bock in der Öffentlichkeit zu stehen. Die neue Generation von Schauspielern und Politikern ist nicht mehr mediengeil. Alle sind vorsichtiger geworden. Sie lehnen einen engen Kontakt zu uns Journalisten ab. Das macht die Arbeit schwer und teuer.

Was macht Ihnen am meisten Spaß?

Das sind alle Geschichten, die nicht im Büro stattfinden. Ich bin glücklich, sobald ich meine Konferenzen verlassen darf. Das hängt auch mit meiner Vergangenheit als Lokaljournalist zusammen. Da habe ich sehr viel draußen recherchiert.

Außerdem treffe ich gerne Leute. Zum Beispiel wenn ich abends mit Prominenten an der Hotelbar sitze. Sie erzählen mir oft unglaubliche Geschichten. Selbst wenn ich sie nicht drucken darf, freue ich mich über die Information für mein Archiv im Kopf. Spätestens wenn der Promi gestorben ist, grabe ich es wieder aus. Daran habe ich innere Freude. Das ist der Jagdinstinkt nach Informationen, der in mir schlummert.

Wie sind Sie zur Bunten gekommen?

Durch Zufall. Eine Kollegin rief mich eines Tages aus München an. Sie war bei der Zeitschrift Volontärin. Eine Redakteurin hatte damals gekündigt und die Stelle wurde frei. Da hat sie mich gefragt, ob ich nicht wieder Kultur machen will. So bin ich am offiziellen Bewerbungsverfahren vorbeigekommen und kam zu dem Job.

Was haben Sie davor gemacht?

Ich habe mit 15 Jahren bei der Lokalzeitung angefangen. Die wurden auf mich aufmerksam wegen einer Kolumne in der Schülerzeitung. Später habe ich für größere Zeitungen als freier Mitarbeiter gearbeitet.

Ich habe das Volontariat abgelehnt und erst studiert. Dann ging es Schlag auf Schlag. Erst kam ich in die Mantelredaktion, danach war ich Landesressortleiter von Berlin-Brandenburg bevor es nach München zur Bunten ging.

Sie sind Stammgast bei den Wagner Festspielen in Bayreuth. Auf was kommt es dort an?

Solange der Dirigent nicht vom Pult fällt, ist die Musik nur Nebensache. Das Spannende an Bayreuth ist der rote Teppich. In der größten Hitze tragen alle Smoking. Das „normale“ Volk macht aber in kurzen Hosen und Sandalen Fotos. Das ist unglaublich grotesk. Zudem ist die Ausbeute an Kontakten sehr groß. Nirgendwo anders komme ich Promis und dem uralten Geldadel so nahe wie in Bayreuth. Es ist nicht umsonst der berühmteste rote Teppich in Deutschland.

Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Eindeutig Schlagersänger Roberto Blanco, der zur Zeit finanziell ruiniert ist. Er kam auch nach Bayreuth und zwar im Taxi: Einer Mercedes B-Klasse. Bei mir ging sofort das Kopfkino los. Da kommt jemand nach den ganzen Bentleys und Audi A8 mit einer B-Klasse. Also ein C-Klasse Promi, der in einer B-Klasse vorfährt.

Ich fragte ihn, woher er die Eintrittskarte hatte. Seine Antwort war: Die hat mir ein Frankfurter Juwelier geschenkt. Damit hatten wir das Klatschthema der Party für die Bunte reserviert.

Welchen Promi schätzen Sie besonders? 

Ich liebe Literatur. Mein bestes Erlebnis war, als ich T.C. Boyle und Ken Follett traf.

Sie waren nicht arrogant oder zugeknöpft, wie so mancher deutscher Autor. Mit Ken Follet war ich auch schon kräftig feiern. Er hat 100 Millionen Bücher verkauft, bleibt aber trotzdem ehrlich und authentisch. Er gibt offen zu, dass er sich nach seinem Erfolg erstmal einen Jaguar gekauft hat und jeden Morgen ein Glas Champagner trinkt. Er lud mich auch zu sich nach Hause zum Rockmusik machen ein. Für solche Gesten schätze ich Engländer und Amerikaner. 

Was macht Sie zu einem guten Journalisten?

Die Neugierde. Mich interessiert bei einem Interview nicht nur die Musik oder das Talent eines Menschen. Seine Stärken und Schwächen, die dahinter stecken, sind für mich viel wichtiger. Dafür muss ich mich für die Person interessieren und zuhören können. Die Kombination aus Beidem ist mein Erfolgsrezept.

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