Das Interview – Mit der richtigen Taktik zum Erfolg

Im vorausgegangenen Artikel hast du gelernt, was genau ein Interview eigentlich ist, welche verschiedenen Formen es gibt und wie man sich optimal auf das Treffen mit dem Informanten vorbereitet. Nun gilt es, ein Profi auf dem Gebiet der Königsdisziplin "Interviewführung" zu werden. Hier erfährst du ausführlich, was es alles bei dieser journalistischen Textsorte zu beachten gibt.

Bild: crenshawcomm.com

Eine gute Vorbereitung auf dein Interview ist zwar das A und O, aber geführt hast du es bis dahin noch lange nicht. Auch hier gibt es einige journalistische Grundregeln, die du auf jeden Fall beachten solltest, damit dir dein Gesprächspartner die relevanten Informationen liefert und du schlussendlich einen tollen Text aufs Papier bringst.

Frageformen dieser journalistischen Textsorte

Du hast bei deinem Interview vielerlei Möglichkeiten, deinem Gegenüber die relevanten Informationen zu entlocken. Die richtige Form der Fragestellung spielt hier eine entscheidende Rolle:

1. Geschlossene Fragen

  • Ja-/Nein-Fragen
  • Bietet sich an, wenn du deinen Gesprächspartner auf eine bestimmte Aussage festlegen willst
  • „Werden Sie für das Amt des Oberbürgermeisters kandidieren?“

2. Offene Fragen

  • Erlebnisfragen
  • Richten sich an Beteiligte, Betroffene oder Augenzeugen
  • „Wie war das damals?“, „Wie haben Sie den Moment erlebt?“, „Was haben sie getan, als der Maskierte die Bankfiliale stürmte?“

3. Motivationsfragen 

  • Sie dienen dazu, den Gesprächspartner aufzuschließen und ihm zu schmeicheln
  • Wichtig: Höchste Aufmerksamkeit, Augenkontakt und zustimmendes Kopfnicken
  • „Was hat Sie als erfahrener Oberarzt dazu bewogen, das Gespräch mit der Ärztekammer zu verweigern?“

4. Provokationsfragen

  • Sie sind hilfreich, um den Gesprächspartner zu pointieren
  • Dadurch vermeidest du abgedroschene Antworten
  • Voraussetzung: Der Interviewpartner ist selbstbewusst und in der Lage, rhetorisch zu kontern

5. Kritische Fragen

  • Sind sehr wichtig, um gekonnt die Gegenposition einzunehmen und zu kontern

Weitere wichtige Hintergrundinformationen kannst du auch erhalten, indem du deinen Informanten bittest, dir bestimmte Sachverhalte noch genauer zu erklären. Wenn du ihn mehr als einmal nach seiner persönlichen Meinung fragst, wird er dir das mit mehr Redebereitschaft danken.

Tipp: Wiederhole die letzten Worte der Antwort deines Informanten als Frage!

Vermeide sowohl Oder- als auch Mehrfach-Fragen! Sie verbauen dir die Möglichkeit, an konkrete Informationen zu gelangen, da du deinem Gegenüber die Möglichkeit gibst, sich nur den Teil der Frage auszusuchen, den er beantworten will. Hier gilt: Stelle eindeutige Fragen!

 

Risiken des Interviews

1. Dein Gesprächspartner ist langweilig

  • Lösung: Achte von vornherein darauf, dir deinen Informanten sorgfältig auszuwählen!

2. Das Interview nimmt einen verwirrenden Lauf

  • Du bist der Journalist! Du bist dafür verantwortlich, dem Gespräch eine Richtung und die Zügel niemals aus der Hand zu geben. Sehr wichtig bei dieser journalistischen Texsorte: Achte strikt auf einen logischen Ablauf und lass dich nicht auf irrelevante Dinge ein. Dafür hast du keine Zeit!

3. Dein Gesprächspartner redet unverständlichen Kauderwelsch

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dein Gegenüber Fakten durcheinander wirft oder gar launisch ist. Bei dieser journalistischen Textsorte ist es deshalb besonders wichtig, dass deine Vorbereitung auf das Gespräch nicht zu oberflächlich ausgefallen ist, du die Fakten besser kennst als er und ein dickes Fell hast!

 

Der Weg vom Diktiergerät aufs Papier

Abschriften

Bei Sachinterviews lässt du Wiederholungen und Ausschweifungen weg. Sie sind für das Thema absolut irrelevant und halten dich nur unnötig auf. Bei Meinungs- und Personeninterviews ist das anders. Hier ist alles wichtig, um den Gesprächkontext zu dokumentieren und später alles korrekt zu formulieren.

Schreiben des Interviews

Wer ein guter Interviewer ist, ist auch ein kreativer Texter. Du bearbeitest deine Abschrift so, dass daraus ein stimmiger, informativer und origineller Beitrag wird. Bei dieser journalistischen Textsorte werden überflüssige und langweilige Informationen gestrichen, Wortwiederholungen vermieden. Verknüpfe zerrissene Themenblöcke wieder miteinander, sodass der Leser die Zusammenhänge direkt versteht und nicht lange grübeln muss. Du kürzt lange Antworten, indem du sie mit Zwischenfragen wie „und dann?“, auflockerst.

Bei dieser journalistischen Textsorte  darfst du den gesprochenen Wortlaut so verändern, dass der Sinn nicht abhanden kommt. Manchmal liest sich etwas einfach leichter, wenn du unverständliche Fremdwörter durch Alltagsbegriffe ersetzt, überflüssige Füllwörter wie „wohl“ oder „oftmals“ streichst. Wenn du die Möglichkeit hast, etwas im Aktiv statt im Passiv zu schreiben, dann tu das auch. Ersteres spricht den Leser mehr an. Solange die Fakten stimmen, darfst du dünne Antworten ergänzen oder korrigieren sowie Fragen und Antworten zuspitzen.

!Absolut tabu!: Alles, was Inhalte und Zusammenhänge verfälscht!

 

Die Autorisierung

  • Kurzinterviews: hier kannst du dich mit dem Informanten telefonisch kurzschließen
  • Längere Interviews kannst du ihm als Layoutfassung faxen oder als PDF mailen

Hier steigt die Hemmschwelle des Interviewten, an den fertigen Seiten mehr als nötig zu verändern.

Es kann dir natürlich auch passieren, dass der Text in Manuskriptform per Mail verlangt wird. Hier schickst du dem Informanten eine Abschrift des Originalgesprächs sowie die Interviewversion und weist darauf im Anschreiben hin. Er kann so besser nachvollziehen, was aus dem ursprünglichen Gespräch geworden ist.

Änderungswünsche

Manchmal ist dein Informant mit der ein oder andere Formulierung unzufrieden. Deshalb gilt bei dieser journalistischen Textsorte: Den eigenen Standpunkt vertreten, aber sachlich und respektvoll im Ton bleiben. Du kannst erklären, warum du diese Ausdrucksweise gewählt hast und ihm gegebenenfalls Alternativvorschläge anbieten. Aber Vorsicht: Lass dich nicht zum Werkzeug machen! Du bist der Journalist und das Interview ist jetzt DEIN Expertengebiet!

 

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