Lügenpresse, halt die Fresse

Wie viele Menschen haben das Unwort des Jahres 2014 – oder den gewitzten Reim „Lügenpresse, halt die Fresse“ – in ihren Wortschatz aufgenommen ohne zu wissen was sie tun? Ohne zu wissen woher der Ausdruck kommt? Kurzum: Der Begriff Lügenpresse stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde vor allem durch die Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg geprägt. Zufall, dass Plakate mit Aufschriften wie „Lügenpresse, halt die Fresse“ heute auf AfD- und Pegida-Demonstrationen aufblitzen?

Ist jeder, der Lügenpresse sagt ein Nazi? Natürlich nicht. Vielleicht aber ein unwissender Mitläufer. Einer, der seinen Frust, ausgelöst durch empfundene subjektive Berichterstattung, mit einem einfachen, einem deutschen, Wort ausdrückt – wo diese digitale Welt ja sonst nur so vor Anglizismen strotzt. Auch mit dem Synonym Pinocchio-Presse machen viele ihrem Zorn über die angebliche „Verarsche der Medien“ Luft und schieben die Schuld grundsätzlich erst mal auf „die Medien“. Ein Schuldiger muss her, das wissen wir auch aus den Vorlesungen der Krisen-PR.

Ein Schuldiger ist immer gut, solange es einen nicht selbst trifft. Das tut es nämlich nur dann, wenn wir uns mit „diesen Medien“ auseinandersetzen. Wenn wir anfangen zu verstehen, dass wir aktive Rezipienten, Mediennutzer mit einer sozialen Verantwortung sind, die ihr Programm sehr wohl mitbestimmen können. Wenn wir von unserem Recht Gebrauch machen uns „aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“ (Art. 5 GG). Heißt uns auch privat mit Pro und Contra auseinanderzusetzen, falls wir ein Thema als einseitig dargestellt empfinden. Das ist oft nicht der leichtere Weg – aber der einzig richtige.

Lügenpresse, halt die Fresse …?

Siehe da, neueste Ergebnisse einer Umfrage, die sich seit 30 Jahren mit dem Thema „Vertrauensverlust in die Medien“ beschäftigt: „Einen messbaren Trend nach unten gibt es nicht“, sagt Carsten Reinemann im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 11. Februar 2016. Maulkorb, Hetze oder einfach mal nur Wahrheit?

Leider gibt es keine Zahlen über diejenigen, die lauthals über die BILD schimpfen, sie sich aber heimlich, still und leise sehr gerne und regelmäßig zu Gemüte führen. Wie viele Deutsche schauen wie häufig Scripted-Reality- sogenanntes „Trash-TV“, und wie viele gibt es, die das offen gestehen würden? Wahrscheinlich genau der verschwindend geringe Bruchteil, den der sogenannte „Third-Person-Effect“ ausmacht: „Ich? Ne. Die Anderen machen das – aber ich nicht.“

Was bedeutet Lügenpresse für dich? Ist es ein Trendwort für Mitläufer, Mainstream-Hetzer? Tatsächlich das Lieblingswort von Joseph Goebbels?

Fazit:

Zugegeben, einige Kollegen dürften sich die Richtlinien für guten und fairen Journalismus (Pressekodex) öfter mal zu Herzen nehmen. Aber es liegt auch an euch, an uns allen. Als Privatperson: überlege dir welches Medium du konsumierst und wie du mit den Informationen umgehst. Sei kein Opfer von Medienrealität sondern informiere dich über vielseitige Quellen. BILD dir deine eigene Meinung! Als angehende Journalisten: wir lernen in Ansbach, wie sorgfältiger, objektiver Journalismus wirklich geht. Es liegt an uns, was wir beruflich daraus machen.

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