Medienerziehung in Bayern: Sind wir noch am Ball?

Medienerziehung spielt an bayerischen Schulen eine wichtige Rolle . Doch das Fernsehen und Zeitungen verlieren bei den Jüngeren an Bedeutung, während Internet, Smartphones und Co. kontinuierlich an Boden gewinnen. Wie sollen die Schulen mit den neuen Medien umgehen? Was steht über die Medienerziehung in Bayern in den Lehrplänen?

Medienerziehung in Bayern Zeitung oder Smartphone? Worauf wird in der schulischen Medienerziehung Wert gelegt? (Foto: Johannes Hirschlach)

 Für Journalisten ist der Satz, mit dem Maria Wünsche ihre Schüler beschreibt, ein deprimierendes Urteil: „Ich befürchte, die Zeitung hat für die Jugend überhaupt keine Relevanz mehr.“ Wünsche ist Deutschlehrerin und Schulpsychologin am Friedrich-Alexander-Gymnasium im fränkischen Neustadt an der Aisch. Stattdessen erkennt sie einen anderen eindeutigen Trend: „Youtube-Blogger spielen jetzt eine große Rolle bei der Informationsbeschaffung.“ Ihre Einschätzung deckt sich mit den aktuellen Zahlen. Einer Erhebung des GfK-Instituts von September 2015 zufolge erreichen Tageszeitungen im Jahr 2015 nur noch 15 Prozent der 14 bis 29-Jährigen in Deutschland. In der Langzeitstudie im Auftrag des ARD und ZDF kommt das Internet im selben Jahr dagegen auf 73 Prozent. „Dabei spielen klassische journalistische Medien ja schon vor der weiterführenden Schule eine wichtige Rolle“, verweist Wünsche auf ihre Kollegen an den Grundschulen.

Medienerziehung in Bayern beginnt schon bei den Kleinen

Tatsächlich beinhaltet bereits der bayerische Grundschullehrplan eine Auseinandersetzung mit Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen. Selbst den Besuch in einem Verlag empfiehlt das Kultusministerium darin für die vierte Klasse. Für den praktischen Unterricht gibt es auch von Verlegerseite Unterstützung. An der Grundschule „Neues Schloss“ in Neustadt an der Aisch nutzen viele Lehrkräfte das Angebot der „Fränkischen Landeszeitung“: „Wir bekommen dann zwei Wochen die jeweilige Tagesausgabe zugeschickt und besprechen den Inhalt mit den Schülern“, erklärt Ingrid Tisch-Rottensteiner, die als Lehrerin vorwiegend die Dritt- und Viertklässler betreut. „Die Kinder sollen wissen, wie eine Zeitung aufgebaut ist. Dazu gehört auch die Artikel zu lesen und vor der Klasse vorzustellen“, vermittelt die Pädagogin.

Journalistische Medien im Lehrplan der weiterführenden Schulen

Nach dem Übertritt auf die weiterführende Schule intensiviert sich für die Schüler der Kontakt mit journalistischen Medien und Stilformen. „Sobald wir ab der siebten Klasse Sachtexte besprechen, gehören Reportage, Bericht, Kommentar und Glosse nach und nach zum Unterricht“, meint Maria Wünsche, „ein Zeitungsprojekt haben wir dann auch in der achten Klasse.“ Der Deutsch-Lehrplan formuliert diese Ansprüche jahrgangsstufenspezifisch in einem separaten Kapitel „Medien nutzen und reflektieren“. Neben dem fixierten „Einblick in das Medium Zeitung“ hat auch der Umgang mit neuen Medien in Anweisungen, wie „das Internet als Informationsquelle nutzen“ oder „Aufbau von Webseiten kennenlernen“, Eingang gefunden. „Nachrichtenportale wie ‚Spiegel-Online‘ besprechen wir aber eigentlich noch nicht“, beschreibt Wünsche den Status Quo der Medienerziehung in Bayern.

Als Lehrerin vermittelt Maria Wünsche die Medienerziehung in Bayern an die Schüler.

Maria Wünsche betrifft die Medienerziehung an bayerischen Schulen als Deutschlehrerin und Schulpsychologin täglich. (Foto: Johannes Hirschlach)

 

Lehrplan PLUS soll die Bedeutung der Medienerziehung in Bayern stärken

Dabei ist das ebensolche Medium das eigentliche Kanonenfutter für das veränderte Nachrichteninteresse der Jugend. „Wenn etwas in der Welt passiert ist, suchen sich die Schüler im Netz gezielt ihre Informationen“, resümiert die 43-Jährige. Auf dieses Verhalten reagiert auch das Bayerische Kultusministerium. Mit dem „Lehrplan PLUS“ findet bald ein überarbeiteter Leitfaden Eingang in die Klassenzimmer. Dieser schiebt sich jahrgangsstufenweise nach oben und ist im Schuljahr 2015/16 gerade für alle Drittklässler neu und gültig. 2017/18 erreicht der Plan dann die weiterführenden Schulen und damit auch Maria Wünsche. „Medien spielen da auch von der Gewichtung eine bedeutendere Rolle“, prophezeit sie. Die Pläne sind aktuell in einer Arbeitsfassung im Netz einsehbar. Der direkte Vergleich mit den Vorgängerrichtlinien offenbart schnell die angedachte Stoßrichtung. Schon in der fünften Klasse des Gymnasiums fordert der Lehrplan PLUS für das Fach Deutsch:

„Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mithilfe vorgegebener Fragen mit ihrer eigenen Mediennutzung und -rezeption auseinander (z. B. Dauer, Wirkung und Ziel; Unterscheiden zwischen virtueller Welt und Realität)“

Der Vorgängerplan verlangt da hingegen nur eine vage Auseinandersetzung mit Hörmedien:

„über Kinder- und Jugendsendungen im Hörfunk sprechen“

Medienerziehung beinhaltet auch Umgang mit Cybermobbing

Ein wichtiges Anliegen ist für Maria Wünsche als Schulpsychologin jedoch die Auseinandersetzung mit dem modernen Medienkonsum: „Gerade Fälle von Cybermobbing, Internetsucht, Nackbildern und ‚Sexting‘ habe ich immer wieder in der Sprechstunde“. Neben der Schulung im Umgang mit journalistischen Medien sei also auch die Schattenseite von „Social Media“ nicht zu vernachlässigen. Wie das aussehen kann, zeige das Friedrich-Alexander-Gymnasium laut Wünsche anhand verschiedenster Projekte: „Wir hatten schon Oberstufenschüler als ‚Medientutoren‘ für Jüngere und Medien-Seminare für Eltern und Lehrer“, denn was die Freizügigkeit im Netz betreffe „gehen ganz viele Jugendliche zu unbedarft ran“.

 

Mehr zum Thema Cybermobbing gibt es hier.

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