Richtig recherchieren: ein Profi zeigt wie

Norbert Hohler, 57 Jahre, gebürtiger Franke und Redaktionsleiter der Main-Post in Kitzingen, gewährt Einblicke in die Themen richtig recherchieren, Lokaljournalismus und Ein-Mann-Redaktionen.

Kennt sich mit Recherche aus: Norbert Hohler, Redaktionsleiter der Main-Post Kitzingen/Ochsenfurt

Irina Wandler: Herr Hohler, wie läuft für Sie eine sorgfältige Recherche ab?

Norbert Hohler: Richtig recherchieren? Dafür beginne ich meistens mit Google und unserem Intranet, um herauszufinden, was es bereits zu dem jeweiligen Thema gibt. Hilfreich ist oft auch der Kontakt mit betroffenen Pressestellen. Danach wende ich mich mit einem Fragenkatalog an lokale Experten wie zum Beispiel Bürgermeister, an Fachleute oder Ministerien.

„Ich habe 1979 selber als Ein-Mann-Redaktion angefangen.“

Apropos „lokale Experten“ – Ist der Lokaljournalismus wieder auf dem Vormarsch und bei den Lesern beliebter denn je?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Aber: Je unübersichtlicher die Welt wird, desto mehr Hinwendung gibt es zum direkten Umfeld, anders ausgedrückt: zur Heimat. Gute Lokalteile haben insofern ihre Leser, sei es in Print oder digital.

Lokaljournalismus hebt sich deshalb von überregionaler Berichterstattung ab, weil

… sowohl die Reporter als auch die Gesprächspartner greifbar sind, sich in einem Ort oder einer Region bewegen, sich nicht verstecken können. Es ist oft spannender, sich mit Leuten von nebenan zu beschäftigen, notfalls auch zu streiten, als mit einem Minister im fernen Berlin oder München per Mail auseinanderzusetzen.

Dadurch erhalten Sie alle nötigen Informationen?

Leider nicht immer, aber um ein Thema richtig recherchieren zu können, muss solange nachgehakt werden, bis alle relevanten Infos vorliegen. Die trägt man verständlich zusammen, bewertet sie und verpackt Sie in einem Artikel.

„Bewerten“ heißt?

Ernst zu nehmende Journalisten versuchen, objektiv zu berichten, schreiben sachlich – das ist unser Auftrag. Wenn ein Kollege seine Meinung sagen und eine Bewertung vornehmen will, dann nur im Rahmen eines Kommentars. Das ist der richtige Weg, und selbstverständlich gehört dann der volle Name dazu.

„Was mich richtig nervt, sind eindeutig subjektive Reporter, die allen ihre Meinung aufdrängen wollen.“

Was ist unverzichtbar, wenn man richtig recherchieren will?

Soziale Netzwerke: Auf unserer Kitzinger Facebook-Fanseite posten wir täglich etwa acht Beiträge in regelmäßigen Abständen, fragen oft die Leser nach Ihrer Meinung. Dadurch erhalten wir in kürzester Zeit Vorschläge und Sichtweisen, die für einen weiteren Beitrag wertvoll sein können, Denkanstöße liefern. Außerdem stellen wir manchmal ganz konkrete Fragen und bekommen Rückmeldungen.

Es gibt Blätter, wie die „Tegernseer Stimme“, die nur online verfügbar sind. Wo sehen Sie deren Chancen und Risiken?

Bürgerreporter verfolgen im Idealfall neue, spannende Themen, nah an den Leuten, oft mit völlig anderen Herangehensweisen. Davon versuchen wir zu lernen, unser digitales Angebot wird ständig erweitert. Wirtschaftlich sind die wenigsten Bürgerblogs erfolgreich, zumindest nicht auf Dauer.

Was halten Sie von Ein-Mann-Redaktionen?

Ich habe 1979 selber so angefangen. Man lernt in kürzester Zeit unglaublich viel, muss immer hellwach sein. Auf Dauer aber ist es keine Lösung: Kritik und Hilfe von Kollegen und deren andere Sichtweisen ergeben auf Dauer eindeutig bessere Ergebnisse.

Was macht einen erfolgreichen Journalisten aus?

Neugierde auf alles und jeden. Dazu gehört auch, seinen Meinungsgegnern zuzuhören und neutral zu berichten, möglichst offen an eine Sache heranzugehen. Was mich richtig nervt, sind eindeutig subjektive Reporter, die allen ihre Meinung aufdrängen wollen. Oder, noch schlimmer, sogar aus Eigeninteresse handeln.

„Richtig recherchieren ist auch gezielte Provokation: Wenn Leute in Rage geraten, reden sie sich um Kopf und Kragen.“

Worauf achten Sie, wenn Sie ein Recherche-Interview mit einem schwierigen Gesprächspartner führen?

Eine vernünftige Vorbereitung sollte ja immer sein, in solchen Fällen aber ist sie überlebenswichtig. Ein Mittel kann sein, mit zwei, drei ungefährlichen Fragen zu beginnen, um eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Manchmal lohnt es sich, Leute drauflos reden zu lassen, weil die Konzentration nachlässt und sie dann oft mehr preisgeben, als sie ursprünglich wollten. Auch die gezielte Provokation ist ein Mittel: Wenn Leute in Rage geraten, reden sie sich um Kopf und Kragen und merken es oft gar nicht. Da muss man sie gelegentlich vor sich selbst schützen.

Wenn Sie die gewollten Informationen trotzdem nicht erhalten …

… drehe ich eben ein paar Runden, heißt, ich spreche zunächst über ein anderes Thema und formuliere meine Frage später neu. Oft klappt das, aber dafür braucht es viel Übung.

Erinnern Sie sich an Ihre umfangreichste Recherche?

Die aufwändigste dauerte 42,195 Kilometer: 1998 habe ich den New-York-Marathon geschafft. Für die daraus entstandene Sonderseite habe ich sogar einen Preis gewonnen. Die aufwändigste Recherche war es insofern, als ich zwei Jahre für dieses Rennen trainiert habe und testhalber Marathons in Köln und Frankfurt gelaufen bin.

„Du kannst mir keinen Müll erzählen, ich bin über dich informiert.“

Abschließend für alle Journalismusstudenten: worauf ist bei der Recherche besonders zu achten?

Perfekte Vorbereitung, sprich, viel über den Sachverhalt oder den Gesprächspartner lesen. Zum Beispiel habe ich einem Interviewten mal ein Glas Chardonnay angeboten, seinen Lieblingswein, wie ich durch meine Recherche wusste. Darüber hat er sich gefreut und wurde zum einen freundlicher, zum anderen signalisiert man auf positive Weise: du kannst mir keinen Müll erzählen, ich bin über dich informiert.

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