Slow Journalism

Je schneller, desto besser - oder doch besser langsam? Organisationen wie Pro Publica in den USA und das Bureau of Investigative Journalism in London entdecken die Langsamkeit des Journalismus - Slow Journalism ist auf dem Weg.

#Slowmedia

Die Medienwelt dreht sich immer schneller und Nachrichten werden hektisch per Twitter, Blogs oder Facebook in alle Himmelsrichtungen verschleudert. Doch nicht alle machen dieses Wettrennen mit. Unter dem Stichwort #Slowmedia fordern immer mehr Journalisten und Konsumenten nachhaltigen Journalismus, das heißt tiefgehende Recherchen und fundierte Analysen.

Doch Zeit ist Geld und Geld wird in den Redaktionen zunehmend knapper. Die Organisation „Pro Publica“, welche mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, beweist in den Vereinigten Staaten, dass es trotzdem geht. Die Recherchen können dort bis zu einem Jahr dauern. Viele fragen sich wahrscheinlich, wie dieser „langsame Journalismus“ finanziell bestehen kann. Hauptsächlich werden die aufwendigen Recherchen durch Spenden gestemmt. Für Pro Publica haben die beiden Immobilienmilliardäre Herbert und Marion Sandler einen Fond eingerichtet, der jedes Jahr zehn Millionen Dollar zur Verfügung stellt. Das Resultat gibt dem Konzept vom entschleunigten Journalismus Recht: Schon binnen weniger als zwei Jahre erschienen Beiträge der Einrichtung in fast allen namhaften Blättern und wichtigen TV-Magazinsendungen Amerikas.

Finanzierung von Slow Journalism in Europa

Auch in Europa gibt es das Modell bereits. Ähnlich wie in den USA wird „The Bureau of Investigative Journalism“ (TBIJ) in London von der Potter-Foundation finanziert. Elaine und David Potter stifteten dem TBIJ 2,3 Millionen Euro. „Wir machen die Arbeit, die die etablierten Medien nicht mehr machen, weil sie es sich nicht leisten können oder glauben, es bestehe dafür kein Bedarf“, so der Redaktionsleiter Iain Overton.

Solche großen Stiftungen sind in Deutschland fast unmöglich, da es hierzulande kein Wohltätigkeitsbewusstsein für Journalismus gibt. Die Online-Zeitung „Kontext“ zeigt, dass es im Kleinen doch geht: Im Jahr 2011 hat der Gründer Josef-Otto Freudenreich 200.000 Euro bei den Stuttgarter Bürgern gesammelt. „Wir sind nicht nur für Slow Media, sondern auch für Slow Read“, sagt Freudenreich.

Delayed Gratification (DG)

Das wohl bekannteste Beispiel für den Slow Journalism ist das Print-Magazin „Delayed Gratification“ (DG) aus London. Der Gründer Rob Orchard steht mit Leib und Seele hinter seinem Projekt, doch erst drei Jahre nach der Gründung verdient er genug, um davon leben zu können. Fraglich ist, wie sich das Magazin völlig ohne Werbung über Wasser halten kann. Hauptsächlich lebt das DG wahrscheinlich von seinen Abonnenten. Um möglichst viele Bezieher zu bekommen, bietet Rob verschiedene Vorteile. Zum einen erhalten sie die Zeitschrift vor allen anderen Lesern und zum anderen bekommen sie Tickets für alle Events des DG und Slow Journalism. Deutschland zählt zum zweitgrößten Abnehmer von Delayed Gratification.

Wer weiß, vielleicht leben wir in fünf bis zehn Jahren hauptsächlich vom sogenannten Slow Journalism. Auch wenn sich das jetzt wahrscheinlich noch keiner so wirklich vorstellen kann. Lassen wir uns überraschen.

 

Quellen:

http://www.tagesspiegel.de/medien/journalismus-diskussion-entschleunigt-euch-/4546850.html

http://www.sueddeutsche.de/medien/serie-wozu-noch-journalismus-digitale-neandertaler-1.78171-4

http://munichmediawatch.com/2015/01/17/slow-journalismus/

http://www.slow-journalism.com/delayed-gratification-magazine

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  1. Slow Journalism Online: "Was wurde aus ...?" - Medienfrage

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