Auflage gegen journalistische Ethik

Auflage gegen journalistische Ethik: "Das Bild der zerquetschten Flüchtlinge im LKW wurde zugestellt, da berieten sich 70 Kilometer entfernt in Wien die EU-Minister. Das muss gezeigt werden! Die sind da elendig verreckt“, wettert Rudolf Porsch appellierend. Seiner Meinung nach musste das grausame Bild an die Öffentlichkeit kommen und wachrütteln. Ethik und das Treffen moralischer Entscheidungen sind Alltag eines jeden Publizierenden.

Auflage gegen journalistische Ethik

Auflage gegen journalistische Ethik: Rudolf Porsch sieht die Verpflichtung des Wachrüttelns der Öffentlichkeit

Rudolf Porsch (60), stellvertretender Direktor der Axel Springer Akademien in Berlin

Ethik klingt nach Schule, trockener Theorie und Lebensferne. Für Medienschaffende wie Rudolf Porsch, stellvertretender Direktor der Axel Springer Akademien, sind Fragen der Auflage gegen journalistische Ethik essenzielles Tagesgeschäft. „Boulevard muss natürlich um Zuschauer buhlen. Das ist der Kernunterschied zu anderen Blättern. Er muss auffallen.“ Gleichzeitig dürfe die Wahrhaftigkeit und Sorgfalt nicht darunter leiden. Man darf an allem schrauben, nur nicht am Inhalt. „Journalismus ist wie ein Megaphon: Wir machen Themen lauter.“ Daher gilt für Medienschaffende bezüglich der Themenwahl Verantwortung: „Als überregionale Tageszeitung mussten wir die Bilder der erstickten Flüchtlinge im LKW zeigen. 70 Kilometer davon entfernt in Wien berieten sich die EU-Minister über die Flüchtlingspolitik. Die sind da elendig verreckt, und das muss gezeigt werden!“ Ethik würde kein schwarz-weiß-Bild der Welt erlauben, vielmehr viele Grauzonen. Es gilt abzuwägen, ob die veröffentlichten Inhalte mit Nachrichtenwert und Brisanz eventuelle Verletzungen von Persönlichkeitsrechten rechtfertigen.

Presserat und Pressekodex

Edda Eick, Referentin des Deutschen Presserates, nennt den Pressekodex die „ethischen Leitlinien“ der Presse. Die meisten Beschwerden betreffen zudem nicht den Boulevardjournalismus. Meist gehe es um Lokalzeitungen: Beispielsweise Fotostrecken von Tatorten, die die komplette Identifizierung der Adresse und des Anwesens zulassen, oder schlechte Recherche in Beiträgen. Die Bilder der qualvoll verstorbenen Flüchtlinge im LKW sind dennoch heikel: „Es gilt hier die Frage: Wird die Würde der Verstorbenen verletzt, sind die Bilder für die Öffentlichkeit geeignet? In diesem Fall ist der Hintergrund berechtigt und muss Diskussionen anstoßen.“ Die Bilder seien zwar furchtbar, aber Abbild der Wirklichkeit. Die Effizienz und Wahrnehmung des Presserats als Kontrollinstanz sieht Eick als verbesserungswürdig an: „Da es eine Selbstkontrolle der Branche ist, ist diese nur so stark, wie die Branche sie macht.“

Auflage gegen journalistische Ethik

Für Gisela Spandler ist Auflage gegen journalistische Ethik eine stetige Gratwanderung

Gisela Spandler (60), Lokaljournalistin bei den Nürnberger Nachrichten

Der Spagat zwischen interessanten Themen und künstlicher Aufmachung sei hier schwierig. Gisela Spandler, Lokaljournalistin der Nürnberger Nachrichten, sieht hier Notwendigkeit in umfassender und ausgewogener Berichterstattung. Es sei eine Gratwanderung zwischen objektiven Sachinhalten und reduzierter Formulierung des Außergewöhnlichen.

Heikle Themen wie Sex, Tod, Krankheit oder Kriminalität sind nicht komplett tabu, dennoch gilt es damit eventuell verbundene Verletzungen der Menschenwürde und Ehre zu vermeiden.

Medien machen Meinung

Medien beeinflussen den Leser – und dieser Verantwortung müssen sich auch Medienschöpfer bewusst sein. Ethik und Themen-Fokus müssten hier oft besser reflektiert werden. „Wir werden als Journalisten auch beeinflusst. Wir sind auch Leser“, warnt Porsch. So entstehe oft ein Effekt „der Meute“, die sich auf ein Thema stürzt. Es sei eine suggestive Wirkung nach dem Motto: Mit diesem Thema muss ich mich doch jetzt auch befassen. Die Megaphon-Funktion der Medien greife hier: „Die einen schüren unbekümmert primitiv und unreflektiert Stimmungen, die anderen schlagen angstvoll ins Gegenteil um, selektieren Infos, um den Islam beispielsweise nicht zusätzlich in ein schlechtes Licht zu rücken“, wägt Spandler ab. Gerade bei Themen wie dem Islam, Pegida oder der Flüchtlingskrise säen Journalisten den Nährboden für Meinungen. Die Angst vor dem Haifisch ist da am größten, wo es keinen gibt. Es gilt verantwortungsbewusst mit der Macht der Medien umzugehen.

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