Slow Journalism – Die mediale Entschleunigung

Schnell, schneller, am schnellsten. Dieser Leitsatz gilt heutzutage als Nonplusultra der Medienwelt. Gerade durch Twitter, Facebook und Co geraten Redaktionen immer mehr unter Druck, Aktuelles als Erster nach außen tragen zu können. Hier kommt der "slow journalism" ins Spiel, denn der Drang zur Schnelligkeit kann ganz schnell zum Verhängnis werden.

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Das Mantra des "slow journalism": Qualität vor Schnelligkeit

Die ganze Geschichte statt schneller Konsumierbarkeit

Gerade der Online-Bereich überschüttet Konsumenten mit Livetickern, Eilmeldungen und skandalösen Blitz-Enthüllungen. Doch Schnelligkeit bedeutet oft Unachtsamkeit und Unachtsamkeit kann zu Fehlern führen, was am Ende nichts mehr mit professioneller Berichterstattung zu tun hat. Aus diesem Grund wurde der sogenannte „slow journalism“ ins Leben gerufen. Denn wie es zu jedem Trend „Gegen-den-Strom-Schwimmer“ gibt, gibt es diese auch in diesem Bereich. Journalisten, die sich für die „Entschleunigung“ der Medien einsetzen. Sie bringen Produkte auf den Markt, die nicht auf schnelle Konsumierbarkeit abzielen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt die ganze Geschichte eines Geschehnisses mit dessen Hintergründen erzählen. Aber warum genau sollte sich irgendjemand für die Nachrichten von gestern interessieren?

Immer „als letzter vor Ort sein“

Als Vorreiter dieses Trends gilt das britische Magazin „Delayed Gratification“ und sein Gründer Rob Orchard. Getreu dem Motto „als letzter Vorort sein“, greift das Magazin Geschichten auf, die schon längere Zeit von der Medienoberfläche verschwunden sind und berichtet über Hintergründe sowie Folgen und klärt auf, was aus bestimmten Themen geworden ist. Die Gründlichkeit mit der hier Recherche betrieben wird kennt jedoch nicht jedes Medium.

Jeder macht Fehler – nur bei Journalisten stehen sie gleich in der Zeitung

Was passieren kann, wenn Schnelligkeit vor Qualität steht, sieht man anhand des Blogs „Perlen des Lokaljournalismus“. Der Lokalredakteur der Münsterländischen Volkszeitung Jörg Homering-Elsner sammelt hier seit 2014 lustige Fehltritte aus deutschsprachigen Zeitungen. Verunglückte Lokalberichte mit Überschriften wie „Lepra-Gruppe hat sich aufgelöst“, „Mord-Opfer fuhr selbst ins Krankenhaus“ oder Griechenland setzt Spaßmaßnahmen um“ sind da keine Seltenheit.

Vorwiegend sind diese Stilblüten natürlich zur Unterhaltung der Leser gedacht. Sie zeigen aber auch, wie schnell Unachtsamkeit zu Fehlern führen kann und wie schnell das Image einer Zeitung an Seriosität verlieren kann. Getreu dem Motto „Jeder macht mal Fehler – aber bei uns Journalisten stehen sie gleich in der Zeitung“, sind kleine Fehlgriffe durchaus verzeihbar. Beruft man sich als Journalist jedoch auf die Prinzipien des langsamen Journalismus, kann mit wenig Mehraufwand ein perfekter Artikel zustande kommen.

 

 

Was macht den „slow journalism“ aus?

Die Prinzipien der Slow-Journalism-Bewegung sind simpel: Als oberstes Gebot gelten die journalistischen Werte Genauigkeit, Korrektheit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Dem zu Grunde liegt eine ausführliche Recherche, sodass nur relevante Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Gerade in der heutigen Zeit wird es für den Leser immer schwieriger die richtigen Informationen aus der Nachrichtenflut herauszusuchen. Auch hier bietet der „slow journalism“ Abhilfe und wirkt als eine Art Filter. Außerdem geht es weniger darum die Konkurrenz zu schlagen, als viel mehr den Leser zu bilden.

Die deutsche Autorin Antonia Brunet findet hier einen passenden Vergleich. Wie bei einem Fast-Food-Besuch kommt der Hunger nach kurzer Zeit wieder. Der entschleunigte Journalismus hingegen wirkt wie Slow-Food: Er sättigt nachhaltig.

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  1. Slow Journalism - der Erfinder Rob Orchard - Medienfrage

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