Agenda Setting: „Menschen muss man unterhalten“

Wir alle sind ständig von dem Agenda Setting beeinflusst. Egal ob im Radio, der Zeitung, im Fernsehen oder Online- viele Themen tauchen immer wieder auf. Dr. phil. Michael Jäckel ist Professor der Soziologie an der Universität Trier. Er spricht im Interview über den Effekt "Agenda Setting“.

Medienfrage: Was heißt Agenda Setting?


Prof. Dr. Michael Jäckel: „Wenn sich ein Thema, wie die Eurokrise nachhaltig in verschiedenen Medien widerspiegelt, dann würde ich sagen, dass hier ein gelungener Agenda Setting erzeugt wurde. Beim Agenda Setting geht es darum, was von dem Publikum registrier wird. Diese Themen werden dann öfters von den Medien aufgegriffen.
Agenda Setting kam zum ersten Mal in den 60er Jahren auf. Zu dieser Zeit wurde Agenda Setting dort populär, wo Journalismus gelehrt wurde. Denn alle dachten sich: ‚Ah wir sind es, die darüber bestimmen, worüber nachgedacht wird.‘“

Medienfrage: Gibt es bestimmte Themen, die besonders gut geeignet sind um auf der Agenda zu landen?


Jäckel: „In den vergangenen Jahren haben wir eine deutliche Zunahme an dramatischen Ereignissen auf der Welt zu registrieren. Sowohl in dem Bereich der Natur, wie der Klimawandel oder bei spektakulären Erfindungen und Sportereignissen.
Diese Art von Nachrichten bescheren den Medien eine hohe Resonanz, sie haben in der Regel aber keinen langanhaltenden Agenda-Setting-Effekt, weil sie nur für kurze Zeit in den Medien auftauchen. Sie haben eher einen Aufmerksamkeitseffekt.
Andere Themen hingegen haben eine höhere Kontinuität. Zum Beispiel Terrorismus. Das Thema Wohlstand, Wohlstandsverlust und ökonomische Entwicklung sind ebenfalls Themen, die immer wieder reaktualisiert werden können. Jedoch ist die Liste der „relevanten oder interessanten“ Themen mittlerweile so groß geworden, dass es ständig zu folgendem Effekt kommt: Ein Thema, das heute noch von großer Bedeutung war, ist übermorgen weg. Ein Beispiel ist Ebola. Das hat uns über ein paar Wochen sehr intensiv beschäftigt und ist dann aus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden, obwohl das Problem noch nicht weg war.“

Medienfrage: In wie weit beeinflussen die
Mediennutzer selbst, was auf die Agenda kommt?

Dr. phil. Michael Jäckel ist Professor der Soziologie an der Universität Trier

Dr. phil. Michael Jäckel ist Professor der Soziologie und Agenda-Setting-Experte

Jäckel: „Der amerikanische Soziologe Robert Ezra Park sagte einmal: ‚Der Grund, weshalb wir Zeitungen im heutigen Sinne überhaupt haben, ist der, dass […] ein paar Zeitungsherausgeber in New York und London entdeckten, dass es den meisten Menschen, sofern sie lesen können, leichter fiel, Nachrichten zu lesen als Meinungen, und dass der einfache Mann lieber unterhalten als erbaut werden wollte.‘
Auch heute gibt es eine Kluft in der öffentlichen Debatte: Häufig äußern Nutzer den Bedarf nach kritischem Journalismus. Gleichzeitig ist eine alles andere, als kritisch zu bezeichnende Rezeption von Nachrichten zu erkennen. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich jeder Journalist auch heute noch bewegt. Denn die Menschen wollen unterhalten werden.
Das Publikum hat bei vielen Themen Einfluss. Beispielsweise die Bildzeitung. Wenn es nicht den Nerv der Zeit treffen würde, warum wird es dann am Kiosk dementsprechend gekauft? Das ist eigentlich eine ganz simple Angelegenheit.“

Medienfrage: Ist das selektieren von Nachrichten, das beim Agenda Setting gemacht wird, auf eine Art auch gefährlich?


Jäckel: Ich denke, man muss eine Auswahl treffen, denn man kann nicht von morgens bis abends nur Nachrichten auf einem Sender bringen. Es wäre gut möglich, jeden Tag über Somalia, Eritrea,China oder Nordkorea zu berichten. Jedoch ist es aus drei Gründen unmöglich, all diese Krisen auf einem hohen Level zu halten.
Erstens fehlen die Kapazitäten an Journalisten im Ausland – es wäre viel zu teuer überall jemanden einzusetzen. Zweitens fehlt die Zeit und der Platz in den Medien, alle Themen in angemessener Form unterzubringen.
Und drittens gibt es kein Publikum, das all diese Krisen aushalten würde. Es könnte sich eine „Nachrichtenverdrossenheit“ einstellen. Denn das Vergessen einer Krise bedeutet auch oft, dass die Empathie und das Hineinversetzen in bestimmte Krisen seine Grenzen hat.

Medienfrage: Inwieweit hat das Internet den Agenda-Setting-Effekt verändert?


Jäckel: Eine Art Hitliste der Aufmerksamkeit finden wir bei Suchmaschinen wie Google. Die Begriffe, die am häufigsten gesucht werden, bekommen die meiste Aufmerksamkeit.
Außerdem wird durch das Internet die Durchlaufgeschwindigkeit eines Themas erhöht.
Im Vergleich zu anderen Medien hat das Internet ein längeres Gedächtnis. Ein Thema besteht dort länger, als in anderen Medien. Das liegt daran, dass Leute die sich für etwas interessieren, immer wieder nach dem Thema suchen und es so am Leben halten.

Ronja Straub

Quelle:de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting
ifam.diachannel.de/detail/0/36/241/0
Bilder: Titelbild selbst gemacht, Porträt von Prof.Dr.Jäckel: Einverständnis eingeholt

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