Germanwings Katastrophe – der Absturz des Journalismus

Die Germanwings Katastrophe war eines der tragischsten Ereignisse im Jahr 2015. Ingesamt 150 Menschen starben bei dem Flugzeugunglück, davon mindestens 72 Deutsche. Die Welt stand still - doch nicht der Journalismus.

von Luzia Ohmann

Auch Medien vermeintlich höherer Qualität, zeigten sich in diesen Tagen nicht von ihrer besten Seite. Quelle: Mika Baumeister, www.meistergedanke.de

Am Montag, den 24. März 2015, um 10.41 Uhr passierte das Unglück in den südfranzösischen Alpen. Neben der Trauer und dem Schock herrschte vor allem eins – die Sensationsgeilheit der Medien. Bereits eine Stunde nach dem grausamen Ereignis umfasste Focus Online 20 Blogeinträge. Der Bildliveticker sogar 35. Doch hierbei handelte es sich nicht etwa um gut recherchierte Fakten. Nein, es war von reinen Spekulationen die Rede.

Gerüchte wurden zu Fakten

Sobald es keine neuen, schockierenden Nachrichten gab, wurden welche produziert. Spitzenreiter war –  und wie könnte es auch anders sein: die Bild Zeitung.
Der NRW – Chefreporter der Bildzeitung twitterte auf seinem Account, dass „unbestätigten Informationen“ zufolge zum Zeitpunkt des Absturzes ein „starkes Gewitter über der Region“ getobt haben soll. Dies ist schlicht und ergreifend falsch. Es gab am 24. März keinerlei Anzeichen eines Gewitters über den südfranzösischen Alpen. Doch die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Ein weiterer Aufmacher der Boulevard Zeitung war das Alter des Flugzeuges. 24 Jahre war der Airbus bereits in Gebrauch. Für viele erschreckend alt und ein möglicher Grund für den Absturz. Realistisch betrachtet ist dies jedoch ein völlig normales Alter für ein Flugzeug. Die Bild Zeitung spielte mit der Ahnungslosigkeit der Menschen. Es besteht keinerlei Zweifel, dass der Redaktion bewusst war, dass es sich um ein völlig legitimes Alter handelte. Doch die Sucht nach Attraktion und Klicks war größer.

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Private Bilder vom Piloten wurden veröffentlich

Nur wenige Stunden nach der Katastrophe wurden bereits die ersten Bilder und der vollständige Name des Germanwings Piloten veröffentlicht. Selbst private, unzensierte Bilder von seinem Facebook-Account und seinem Wohnhaus wurden benutzt um den Drang nach Attraktion zu stillen.

Doch nicht nur der „Amok-Pilot“ (so die Bild Zeitung), wurde in die Öffentlichkeit gezogen, sondern noch viel Schlimmer: die Trauernden. „Focus Online“, „bild.de“, „RP Online“ und die „Tagesthemen“ veröffentlichten teils Bildstrecken und Bewegtbilder von weinenden Angehörigen, die sich in den Armen liegen. Natürlich ohne jegliche Einverständnis bzw Unkenntlichmachung.

Die Presse hat trauernde Schüler für Informationen missbraucht

Das Joseph-König-Gymnasium in Haltern hat es besonders hart getroffen. 16 SchülerInnen und zwei Lehrer saßen in dem verunglückten Flugzeug.
Mika Baumeister ist selbst Schüler an dem Gymnasium und hat den Medienrummel und die hinterlistigen Tricks am eigenen Leib miterlebt. „Uns wurden bis zu 80 Euro angeboten nur um mit den Journalisten zu reden“, berichtete der Junge im Interview mit Richard Gutjah.

Doch das war noch lange nicht die Spitze des Eisbergs. Journalisten haben sich als Lehrer und Seelsorger getarnt um hinter die Absperrung zu gelangen und exklusiv Interviews mit den Trauernden zu ergattern. Schülern des Gymnasiums zufolge soll es selbst Medienmacher gegeben haben, die mit Stereorekordern in der Tasche zu den Kerzen herantraten, um Gespräche aufzuzeichnen. Selbst versteckte Handykameras unter einem Strauß Blumen sollen für Exklusivbilder genutzt worden sein.

Hier geht es zu Mika Baumeister’s Blogbeitrag

Qualitative Berichterstattung bei der Germanwings Katastrophe

Die Germanwings Katastrophe war eine Journalistische Herausforderung bei der sich die Spreu vom Weizen trennte. Doch nicht alle Online-Zeitungen sind kläglich gescheitert. Die „Zeit Online“, genauso wie die „süddeutsche.de“, veröffentlichte einen Artikel der in zwei Rubriken unterteilt war: „Was wir wissen“ und „Was wir nicht wissen“. Knapp, einfach und richtig.
Der Aufwand wahrheitsgemäß zu berichten war vielleicht aufwendiger, jedoch wurde der qualitative Unterschied zwischen den Medien deutlicher denn je.
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Fakt ist: Am 24. März 2015 hat nicht nur Germanwings einen Absturz erlitten, sondern auch der Journalismus. Es ist an der Zeit die Ursprungswurzeln des Journalismus wieder auszugraben – die sorgfältige Recherche. Erst dann können die Menschen wieder vertrauen zu den Medien aufbauen.

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