Gewaltdarstellung der Medien: Muss das sein?

Die Gewaltdarstellung der Medien ist ein heikles Thema. Grausamkeiten, Tod und Leid sind Teil der Realität und dürfen daher in der Berichterstattung nicht fehlen. Aber reicht es Tragödien in Zahlen und Fakten darzustellen oder benötigen wir Bilder, um Gewalt und Krieg verstehen zu können?

Zeigt die Gewalt

Ein Kommentar von Benjamin Hecht

Gewaltdarstellung der Medien in der Flüchtlingskrise

Es ist Ende August/Anfang September 2015. Die Flüchtlingskrise ist bereits im vollen Gange. Tausende Menschen fliehen vor Krieg und Terror aus ihren Heimatländern und dafür nehmen sie erhebliche Gefahren in Kauf. So auch die Familie Kurdi aus Syrien. Um dem Bürgerkrieg zu entkommen machen sich der Vater Abdullah, die Mutter Rehan und ihre beiden Söhne Galip (5) und Aylan (3) auf den Weg vom türkischen Bodrum zur griechischen Insel Kos – und zwar auf einem Schlepperboot. Eine sehr riskante Entscheidung, denn zahlreiche Flüchtlinge kamen auf diesem Weg schon ums Leben. Doch für die Familie Kurdi ist es die einzige Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit. Wenig später, am 2. September 2015 liegt ein kleines Kind regungslos an einem Strand nahe Bodrums. Es ist Aylan Kurdi. Er ertrank, gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Mutter. Nur der Vater überlebte das Unglück. Alle großen Medien in Deutschland berichten von dem Vorfall, doch nur wenige zeigen die Nahaufnahme des kleinen Aylan. Trotzdem ist es genau dieses Bild, welches uns auch noch Monate danach im Gedächtnis erhalten bleibt und uns an den Schrecken der Flüchtlingskrise erinnert.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Genau das können Bilder wie dieses bewirken. Sie schaffen Bewusstsein für die schlimmen Dinge auf der Welt. Sie lassen uns Missstände erkennen und aktivieren das Mitgefühl in uns. Gerade bei uns in Deutschland kommt das derzeit zu kurz. Die AfD hat es mit einer Politik der Fremdenfeindlichkeit zur drittstärksten Partei in Deutschland geschafft. Wie ist das überhaupt möglich? Die wenigsten AfD-Wähler sind wohl überzeugte Rassisten. Viel mehr ist es die Unwissenheit über das unsägliche Leid, das viele Flüchtlinge auf den Weg in eine sichere Heimat auf sich nehmen müssen. Klar, fast jeder weiß von den tausenden Menschen, die bereits im Mittelmeer ertrunken sind. Doch tausend Tote sind eben nur eine Statistik, das wahre Ausmaß der Gewalt wird dem Zeitungsleser erst klar, wenn er Bilder sieht. Erst dann kann er ansatzweise verstehen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein, und erst dann wird er erkennen, dass seine Probleme dagegen relativ klein wirken.

Gewalt ist die Wahrheit

Neben der aufrüttelnden Wirkung, die brutale Gewaltdarstellung der Medien auf uns haben kann, spricht noch etwas dafür: Es ist schlicht und einfach die Realität. Diese müssen wir kennen, um uns eine fundierte Meinung zu komplexen, politischen Themen zu entwickeln. Wir dürfen uns nicht davor verstecken, wir müssen hinschauen, wenn Unleid auf der Welt passiert. Und zwar nicht obwohl, sondern weil es unangenehm ist. Gerade die schrecklichen Dinge auf dieser Welt sind es, die es zu verändern gilt und das geht nur, wenn wir darüber Bescheid wissen. Doch natürlich hat auch das Streben nach der Wahrheit seine Grenzen. Und diese gibt der Pressekodex sehr genau vor: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ Die Wahrhaftigkeit ist einer der wichtigsten Maßstäbe im Journalismus. Doch sie ist es nicht wert, die Würde anderer Menschen mit Füßen zu verletzen.

Fazit: Wir müssen brutale Bilder zeigen!

Wenn wir wirklich ein Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und Brutalitäten schaffen wollen, dann muss die Gewaltdarstellung der Medien schonungslos und echt sein. Das gilt für die Opfer der Flüchtlingskrise genauso wie für den Schrecken des Krieges oder alle anderen Situationen, in denen Menschen unsägliches Leid widerfährt – natürlich immer unter Achtung der Menschenwürde. Doch ohne die verstärkende Macht der Bilder, bleiben uns Informationen nur solange im Gedächtnis wie sie tagesaktuell sind. Manche Fotos hingegen können über Jahrzehnte hinweg in unseren Köpfen hängen bleiben und sogar noch nachfolgende Generationen prägen. Im Falle des kleinen Aylan, lässt sich darüber streiten, ob dessen Würde tatsächlich mit der Veröffentlichung des Bildes verletzt wurde. Denn wäre es nicht auch im Sinne von Aylan, der Welt den Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie schlimm die Lage der Flüchtlinge wirklich ist?

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