Mobile Reporting – Journalismus in Terrorgebieten

Spontanes Mobile Reporting. Bernd Heppel ist 27 Jahre alt und Video-Redakteur. Der Plan: Ein herbstlicher Kurztripp nach Paris mit seinem Freund Florian Körninger, der ebenfalls im Journalismus arbeitet. Allerdings fanden sie aufgrund des Terrors im Musikclub Bataclan einen Ausnahmezustand in Paris vor. Sie beschlossen die Situation zu filmen.

Man denkt in so einer Situation nicht nur als Mensch

Wie kamt ihr auf die Idee, über die Geschehnisse im Bataclan zu berichten?

Bernd: Wir sind am 14. November, nur wenige Stunden nach den Anschlägen nach Paris geflogen. Generell war erst mal die Überlegung, ob wir überhaupt fliegen sollen. Wir hatten uns schon monatelang darauf gefreut, die Flüge und das Hostel waren bezahlt. Wir dachten also, dass wir uns die Lage vor Ort anschauen und zur Not mit Zug, Leihwagen oder wie auch immer wieder nach Hause fahren. Vor Ort angekommen, mussten wir feststellen, dass komplett Paris lahmgelegt war. Die Geschäfte hatten geschlossen, die Straßen waren völlig leer. Natürlich denkt man in so einer Situation nicht nur als Mensch, sondern auch als Journalist.

Wir erkundeten die Stadt. Danach kamen wir an einem Gebäude vorbei, vor dem sich eine Menschenschlange gebildet hatte. Wir fragten andere Journalisten, die dort filmten, was los ist. Die Antwort: Die Menschen spenden Blut für die Opfer, hier ist eine Blutbank. Kurze Zeit darauf gingen wir zu Starbucks, wo wir unsere Emails checkten. Meine Chefin hatte mir geschrieben, ob ich nicht Mobile Reporting machen könnte. Ich entschied mich für die Liveberichterstattung. In Deutschland und auf der ganzen Welt überschlugen sich zu diesem Zeitpunkt die Meldungen. Die Anschläge waren schließlich noch keine 24 Stunden her… Danach haben wir noch oft darüber gesprochen, ob wir aus eigener Initiative unseren Arbeitgebern Bescheid gegeben hätten –wahrscheinlich nicht, was vor allem daran lag, dass es eine wahnsinnig traurige und schreckliche Nachricht war.

Wie war eure Reaktion auf den Terror?

Bernd: Vom Starbucks sind wir als erstes zurück zu der Blutbank. Dort haben wir einen Aufsager gemacht und Schnittbilder gesammelt. Viele Menschen, die dort anstanden, waren bereit, mit uns zu sprechen und auch vor der Kamera Interviews zu geben. Danach sind wir in Richtung Bataclan gefahren, denn wir wussten, dass wir für einen Beitrag natürlich direkt zum Ort des Geschehens fahren mussten. Verständlicherweise waren das sehr gemischte Gefühle, weil wir vorher eigentlich ausgemacht hatten, nicht dort hin zu fahren. Angekommen, fanden wir Menschen, die weinten, Blumen niederlegten und Kerzen anzündeten. Aus den verschiedensten Ländern waren Journalisten vor Ort und berichteten über die Anschläge – eine komplette Straße war voller Übertragungs-Wagen und Reportern. Da wurde einem zum ersten Mal das wirkliche Ausmaß des Anschlags klar. Dazu muss man sagen, dass wir natürlich bis dahin relativ wenig Berichterstattungen mitbekommen haben, weil wir ja die ganze Zeit unterwegs waren.

Mobile Reporting als Chance für Länder mit prekärer Pressefreiheit

Wie steht ihr zu Mobile Reporting?

Florian: Auf der einen Seite bekommt es natürlich etwas Authentisches, wenn kurz nach der Nachricht schon die ersten verwackelten Handy-Videos auftauchen. Außerdem ist Mobile Reporting auch eine gute Möglichkeit, in Ländern mit prekärer Pressefreiheit wie Syrien oder Ägypten, Bewegtbilder zu sehen, die unter Umständen eine andere Wahrheit zeigen wie die im Staatsfernsehen. Zu Videos in Terrorgebieten gehört große Vorsicht. Gleichzeitig sehe ich die Gefahr der Sensationsgier. Wir leben in einer Zeit, in der sich eine unbestätigte Nachricht so schnell verbreitet, dass viele diese Nachricht gleich für wahr halten. Da Bilder um einiges emotionaler sind als nur Text unterfüttert ein Video die Nachricht umso mehr mit Wahrheit. Qualität der Videos ist dabei erstmal zweitrangig. Ein gutes Beispiel ist der Bild-Reporter Paul Ronzheimer, der bewusst Krisengebiete filmt, um eine Art Selfie-Journalismus zu betreiben. Das befriedigt natürlich den voyeuristischen User. Aber seriöse Berichterstattung ist das nicht.

Bernd: Ich finde Mobile Reporting wichtig und interessant, weil so schnell und direkt von vor Ort berichtet wird. Der Zuschauer ist direkt am Geschehen dran, ohne selbst hin zu müssen. Natürlich muss dabei aber auch immer der nötige Respekt gewahrt werden. Hätte sich in unserem Fall z.B. ein Reporter ins Bataclan geschlichen, um von dort Bilder zu zeigen, wäre das absolut pietätlos und unangebracht. Also mobile Berichterstattung ja – aber respektvoll.

Was ist bei der Liveberichterstattung das Wichtigste?

Bernd: Natürlich immer gut, richtig, aber auch schnell zu recherchieren. Und genau da ist der Hund begraben. Gerade auch bei unserem „Dreh“ ging es darum, an dem Tag noch den Beitrag online zu bekommen, dementsprechend hatten wir nicht viel Zeit. Da das Thema äußerst sensibel ist, darf man natürlich keine Fehler machen. Deshalb haben wir die beiden Aufsager auch mehrere Male gemacht – es musste am Ende einfach perfekt sein, damit man der Situation gerecht wurde.

Vielleicht muss man nicht immer erreichbar sein, aber sehr oft

Seid ihr als junge Journalisten bereit, immer erreichbar zu sein?

Florian: Du stehst in dem Job natürlich schon unter Strom. Ich bin schon viel online und auf der Suche nach Themen und überlege, ob ich sie dann dementsprechend regionalisieren kann. Ich bin aber auch jemand, der abschaltet.

Bernd: Ich sage immer nein. Aber wenn ich sehe, dass es gerade 23:45 Uhr ist und ich bis ich dieses Interview hatte, noch gearbeitet habe, glaube ich, dass es schon ein Teil des Journalismus ist. Vielleicht muss man nicht 24 Stunden am Tag erreichbar sein, aber schon sehr oft. Ich arbeite gerne und viel. Aber mein Privatleben darf nicht darunter leiden. Solange ich das Gefühl habe, dass das nicht der Fall ist, darf der Arbeitsanteil auch höher sein.

Das Video von Bernd und Florian findest du hier. Mehr Infos zum Thema Mobile Reporting gibt es im Artikel Mobile Reporting im Check .

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