Slow Journalism – der Erfinder Rob Orchard

Umso schneller, desto besser - so lautet mittlerweile das Motto zahlloser Journalisten. Dass durch diese vermeintliche Exklusivität viel verloren geht, hat einer erkannt. Rob Orchard ist ein britischer Journalist, der nicht mit der schnellen Onlinemasse mit schwimmen will. Der 35-Jährige hat den Schritt zurück zum klassischen Printprodukt gewagt und The Slow Journalism Company gegründet.

Slow Journalism Rob Orchard (35), Erfinder des Slow Journalism - Quelle: Rob Orchard

medienfrage.de: Wann kamen Sie auf die Idee The Slow Journalism Company zu gründen?

Rob Orchard: Da kann ich gar keinen genauen Zeitpunkt nennen. Das war ein Prozess, der sich über die Jahre hinweg entwickelt hat. Ich war schon immer Journalist und habe einige gute Freunde, mit denen ich natürlich über verschiedene Magazine redete und welche Ideen wir für eine Zeitschrift hätten. So haben sich unsere Gedanken immer weiter gesponnen, und irgendwann war dann die Überlegung da, wirklich ein Magazin nach unseren Vorstellungen herauszubringen.

Aber warum ein Printprodukt? In der Branche geht es schließlich schon seit Jahren bergab.

Ja, aber genau das war auch einer der ausschlaggebenden Gründe. Wir haben alle gesehen, was in der Medienbranche passiert ist. Diese extreme Verlagerung von traditionellen Printprodukten auf das Onlineangebot. Viele Menschen sagten: „Print ist tot. Das ist das Ende.“ Wir haben das ja auch gesehen und gespürt. Aber auf der anderen Seite haben wir ebenso die Probleme wahrgenommen, die damit kamen. Außerdem hatten wir uns bereits entschieden etwas Neues zu schaffen und in guten Journalismus zu investieren. Den Journalisten einfach genügend Zeit geben, damit sie wirklich gute Geschichten abliefern können.

Welche Probleme meinen Sie?

Erster sein ist mittlerweile wichtiger, als richtig zu liegen. Nehmen Sie das Beispiel Amanda Knox. Als sie 2011 in Berufung ging und von ihrer Verurteilung wegen Mordes frei gesprochen wurde, meldete das Nachrichtenportal Mail Online genau das Gegenteil. Warum? Weil sie vorab zwei Versionen schrieben. Einmal die Bestätigung des Urteils aus 2009 und in der anderen Darstellung war ihre Berufung erfolgreich. Der im Gericht anwesende Journalist hörte nur das Wort „schuldig“. Ein Mausklick – der Artikel ging online und tausende Menschen lasen innerhalb von Minuten ein falsches Urteil.

Das ist eines der Probleme, die ich meine. Aber auch die Fortschritte in der Onlinebranche und die extreme Geschwindigkeit, mit der sich Nachrichten über Smartphones und Twitter verbreiten, setzen dem Journalismus stark zu. Den Journalisten bleibt keine Zeit mehr ordentliche Arbeit zu leisten. Fakten einzuholen oder mal mit ein paar Leuten zu sprechen.

Wie kamen Sie auf den Namen des Magazins?

 Wir dachten über sehr viele verschiedene Namen nach. Für Delayed Gratification* haben wir uns letzten Endes entschieden, weil wir den Gedanken mochten, dass das Cover bereits ausdrückt, worum es im Magazin geht – Slow Journalism.

*delayed = verzögert aufgeschoben

*gratification = Befriedigung, Freude

Haben Sie je an Ihrem Konzept gezweifelt, Herr Orchard?

Nein. Ich denke wir haben ein wirklich starkes Konzept und ein Magazin wovon ich persönlich sehr überzeugt bin. Daher glaube ich, dass es genügend Menschen gibt, denen es genauso geht und die Spaß haben am Slow Journalism.

Erzielen Sie schon Gewinne mit Delayed Gratifications?

Ja, wir fahren schon seit einigen Jahren Gewinne ein. Pro Ausgabe verkaufen wir immerhin rund 8.000 Stück weltweit. Für ein Exemplar bezahlen Sie etwa zwölf Pfund. Deutschland ist übrigens unser zweitgrößter Absatzmarkt nach dem Vereinigten Königreich.

Wie finden Sie so außergewöhnliche Geschichten?

Zum einen verdanken wir das einer tollen Truppe aus festangestellten Journalisten, die sehr viel Zeit damit verbringt interessante Geschichten auszugraben. Und zum anderen haben wir noch echt gut vernetzte freie Journalisten, die auf der ganzen Welt verteilt sind.

Welche Entwicklungen erwarten beziehungsweise erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Natürlich wollen wir noch mehr Exemplare verkaufen und unsere Firma weiter expandieren. Die guten, ausführlichen Artikel sollen aber bleiben beziehungsweise noch besser werden. Das gilt für das ganze Slow-Journalism-Konzept. Wir arbeiten stetig an unserem Magazin, um es noch besser zu machen.

Glauben Sie Ihrem Beispiel folgen noch mehr Medienmacher?

Möglicherweise. Ich denke da sind einige Sachen, die wir echt gut machen. Starke Geschichten, super Design und eben ein gutes, solides Konzept. All das braucht ein Verlag heutzutage, meiner Meinung nach. Der kostenlose Inhalt von Onlineangeboten mag zwar attraktiv wirken und die ganze Werbung bringt sicher viel Geld ein, aber die Artikel werden mittlerweile von Werbeanzeigen erschlagen. Daher glaube ich, dass das Interesse in Print immer mehr zurückkommen wird. In Bezug auf diese Phase können wir ein Vorbild sein. Als ein werbungsfreies Magazin, was nur als Printausgabe erhältlich ist.

Weitere Informationen zu The Slow Journalism Company und zu Delayed Gratification gibt’s hier.

 

von Isabel-Marie Köppel

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*